Der schweizerischste Sport von allen

Die Pingpongtisch-Dichte im Land ist hoch. Sie stehen zu Hunderten in Parks und Freibädern, auf Schulhausplätzen und vor Garagen. Warum eigentlich?

Berner Zeitung: Martin Fischer Publiziert: 15.04.2021, 11:13

Die Anwältin gegen den Hipster: An öffentlichen Tischen treffen verschiedenste Menschen aufeinander.
Foto: Getty Images

Nur schon der Name verspricht Zugänglichkeit: Pingpong. Einfacher Klang, ganz unprätentiös, überall auf der Welt verständlich und gebräuchlich.

Pingpong bringt die Menschen zuverlässig zusammen, am 1,5 mal 2,74 Meter grossen Tisch verschwinden Status und Berührungsängste. Mao Zedong unterbrach seine Revolutionsarbeit gern für eine Partie, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt duellierten sich wiederholt, Royals lassen sich für Plausch-Mätschli einspannen, und Justin Biebers knallharte linkshändige Smashes sind in Videos auf Social Media mehrfach dokumentiert.

Was den Zugang erleichtert: Pingpong ist eine der wenigen kompetitiven Sportarten, bei denen die Physis zweitrangig ist. Alter, Körpergrösse, Geschlecht: Sie entscheiden nicht über Sieg oder Niederlage. Das hat fast schon eine politische Note: Die Differenzen zwischen den Menschen erodieren. Pingpong, der grosse Gleichmacher.

Mao Zedong bei einem Pingpongspiel während des Langen Marsches 1935. Er hält den Schläger im für China typischen Penholder-Griff.
Foto: Universal History Archive via Getty Images
Königin Silvia bei einem Staatsbesuch in Mexiko im Jahr 2002.
Foto: Keystone

Das passt zum urdemokratischen Selbstverständnis der Schweizerinnen und Schweizer: Alle haben beim Pingpong eine Chance, niemand ist etwas Besseres. Pingpong ist kein Sport für Stars, es ist ein Sport für alle. Und damit: echter Breitensport.

Die Schweiz ist denn auch ein Pingpongland, zumindest auf Hobbystufe. Landauf, landab werden die Tische aus den Garagen gerollt, sobald die Temperaturen in den zweistelligen Bereich klettern. Und sie stehen zu Hunderten in den Parks der grossen Städte, auf Schulhausplätzen und in Freibädern. Gute Infrastruktur: Das kann sich die Schweiz leisten.

o ein kleiner Pingpongtisch ist sympathisch anspruchslos: platzsparend, robust, im Unterhalt wenig aufwendig – eine Fussballanlage oder ein Golfplatz wirken dagegen wie Grössenwahn.

Pingpongtische in der Badi Bellerive in Lausanne.
Foto: Keystone

Es gibt keine genauen Zahlen über die Verbreitung von Tischtennistischen im Land. Die interaktive Pingpongweltkarte Pinpongmap.net zeigt aber die hohe Dichte in den grössten Schweizer Ballungszentren.

Im Zürcher Stadtgebiet stehen gemäss Sportamt allein auf den Schulhausplätzen 278 Tische. Diese werden einmal jährlich auf ihren Zustand überprüft.

Basel bietet in den Parks und Schulhöfen rund 130 Tische an, auch Bern, Luzern und Zug sowie das nördliche Lac-Léman-Ufer sind dicht bestücktes Tischtennisgebiet. Südlich des Gotthards scheint das Interesse am Sport nachzulassen.

Je weisser, desto mehr Tische: Hohe Dichte an Tischen in den grösseren Schweizer Städten wie Bern, Basel, Luzern, Zug und Zürich (v. l. n. r.).
Foto: Screenshot Pingpongmap.net

1931 wurde der Schweizerische Tischtennisverband gegründet (heute: Swiss Table Tennis), es ist die erste internationale Blütezeit des Sports. Britische Offiziere haben das Spiel bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfunden. Zunächst wurden noch Golfbälle über die Tische gejagt, als Schläger dienten Bücher und Pfannen. Schnell etablierte sich das «Raum-Tennis» als Zeitvertreib für den Adel. 1875 erstellte Ingenieur James Gibb das erste Regelwerk, 1891 brachte er dann die ersten Zelluloidbälle von einer USA-Reise nach Europa. Damit setzt sich auch der Name Pingpong durch.

Heute ist Pingpong weit weg von elitär. Der Zugang zu Tischen ist gratis. Das Material ist günstig erhältlich, leicht und klein, sodass es sich auch im Alltag an der Uni im Jutesack oder im Büro in der Laptoptasche mittragen lässt. Diese Niederschwelligkeit nährt die Beliebtheit des Sports, seit den Anfängen.

Ein improvisierter Pingpongtisch in einem vorübergehend geschlossenen Restaurant in Genf.
Foto: Keystone

Jede erhöhte, ebene Fläche kann zum Spielort werden. Netze lassen sich mit Büchern oder Schnüren improvisieren. Wenn Schläger gerade nicht zugänglich oder in zu geringer Anzahl vorhanden sind, tut es auch ein Holzscheit, ein Küchenbrett oder die aufgespannte Handfläche (zumindest für ein paar wenige Schläge beim Rundlauf).

Pingpong geht immer, irgendwie. Und Erfindergeist schreiben sich Schweizerinnen und Schweizer noch so gern zu.

Auf Youtube kursiert ein Video, in dem angeblich Bruce Lee zu sehen ist, wie er mit Nanchuks die Bälle seines Gegners pariert. Der Clip hat 30 Millionen Views und entpuppte sich als ein Fake. Video: Youtube https://m.youtube.com/watch?v=SncapPrTusA&feature=youtu.be

Das Material selbst ist der Teil des Spiels, wo sich etwas Distinktion herstellen lässt. Gerade bei den Schlägern wird schnell klar, wer mit Ambition antritt. Wird das Paddle in einem Etui aufbewahrt? Hat es verschiedene Oberflächen für Vor- und Rückhand? Die richtig guten Schläger – führend sind die Marken Donic aus Deutschland und Cornilleau aus Frankreich – sind für 60 bis 100 Franken erhältlich. Wir wissen: Für hochwertiges Hobbymaterial lassen Schweizerinnen und Schweizer noch so gern etwas springen.

«Man muss nicht einmal gut sein, um Spass zu haben.» Frédéric Savioz, Gründer Supersmash

So gibt es für Allwetterspielerinnen wetterfeste Modelle, für Ästheten Designobjekte wie jene des Schweizer Labels Supersmash. Gestaltet werden diese von den Grafikdesignern Ramon Valle und Frédéric Savioz, gekauft vor allem in Deutschland und der Schweiz, doch auch in Shops in den grossen Metropolen wie London, Berlin, Stockholm.

Edelschläger aus Genf: Drei Modelle von Supersmash, erhältlich für rund 70 Franken.
Foto: Supersmash

Wer es sich leisten kann (etwa Ellen DeGeneres), bestellt beim US-amerikanischen Hersteller 11 Ravens gleich noch einen Luxustisch in Sonderanfertigung. Die Modelle werden unter anderem aus Bambus, Edelmetallen oder Glas gefertigt und sind ab rund 15’000 Franken zu haben. Das ganz in Schwarz gehaltene Top-Modell Stealth gibt es für 64’000 Franken.

Ein Tisch mit Bronzegestell von 11 Ravens.
Foto: PD

Quelle: https://www.bernerzeitung.ch/warum-tischtennis-und-die-schweiz-so-gut-zusammenpassen-986499804947